nikolaus knebel | klicken sie hier, um zur startseite zurückzukehren.

Die Architektur der Mediathek in Sendai

Zum Raumverständnis von Toyo Ito

 

Nikolaus Knebel

 

- published in baumeister (2001) 

 

 

sendai concept

 

 

Toyo Itos erstes Meisterwerk war ein Haus ohne Fenster, sein zweites ist ein Gebäude ohne Wände. Zwischen diesen beiden Polen, dem radikal hermetischen Wohnhaus White U in Tokio und dem vollkommen transparenten Raum der Mediathek in Sendai liegt ein Vierteljahrhundert und ein Oeuvre, das den Versuch unternimmt, das archaisches Bedürfnis nach Geborgenheit im Raum und die Chancen einer modernen Entgrenzung des Raumes zusammen zu denken. Im Mittelpunkt von Toyo Itos Architekturschaffen steht der Mensch und die Frage nach seiner Behausung im elektronischen Zeitalter.

Das jetzt fertiggestellte Projekt der Mediathek demonstriert eine solche zeitgenössische Räumlichkeit. In seiner Struktur ist das Gebäude einfach zu begreifen. „Plate, tube and skin”, sieben quadratische, übereinandergeschichtete Ebenen werden von dreizehn, unregelmäßig angeordneten, netzartig aufgelösten Röhren in unterschiedlichen Höhen auseinandergehalten und von vier verschieden gestalteten Fassaden umschlossen. Die in sich leicht verdrehten tubes dienen der vertikalen Erschließung und Versorgung der auf den horizontalen plates eingerichteten Programme wie Bibliothek, Galerie und Mediathek. So übersichtlich der Aufbau des Gebäudes ist, so vielschichtig sind die Eindrücke, Empfindungen und Erklärungen des Raumes. 

Überraschend ist, dass bei der Erklärung dieser neuen Architektur, unter Rückgriff auf Toyo Itos frühe Texte aus den siebziger und achtziger Jahren, immer wieder das Motiv der Urhütte auftaucht. Die Suche nach dem Beginn soll zugleich den Sinn von Architektur herleiten. Im achtzehnten Jahrhundert beschrieb der französische Architekturtheoretiker Marc-Antoine Laugier den Ursprung der Architektur mit dem Niederlassen des Menschen an einem Fluss. An diesem Ort ist der Mensch eins mit der Natur. Doch um sich vor Regen und Sonne zu schützen, flüchtet der Mensch in eine Höhle, die er aber wegen der unbehaglichen Dunkelheit und Feuchtigkeit verlässt, um schließlich wieder zum Fluss zurückzukehren und dort eine Hütte zu bauen. Diese Hütte entsteht zwischen vier Bäumen, deren Äste und Zweige miteinander verflochten werden und einen Bau entstehen lassen, in der Architektur integraler Bestandteil der Natur ist.

Diesen Gedanken nimmt Toyo Ito auf und erweitert ihn um das Verständnis der heutigen Stadt als zweiter Natur. Auch in einer künstlichen Umwelt, die analog zu den Luft- und Wasserströmen der natürlichen Umgebung von elektronischen und infrastrukturellen Flüssen gekennzeichnet ist, bleibt das Ideal einer in die – zweite - Natur  integrierten Architektur bestehen. Itos Architektur ist daher auch nicht ein von außen in die Stadt getriebener Keil gegen das Chaos der Stadt, sondern nur wenig mehr als eine Verwirbelung im urbanen Fluss. Sein eigenes Wohnhaus „Silver Hut“ und das Projekt „Pao – a Dwelling for Tokyo Nomad Woman“, beide aus den frühen achtziger Jahren, demonstrieren diesen Gedanken einer modernen Urhütte, die mit ihrer städtischen Umgebung in Einklang steht. „Für uns, die Stadtbewohner ist es bedeutsam,“ schreibt Ito 1988, „ uns die Urhütte noch einmal zu vergegenwärtigen. Denn im Wald des Stadtraums, mag ein Fluss der Verkehrsfluss einer Autobahn, oder sogar der unsichtbare Strom elektromagnetischer Wellen sein, und der kühle Schatten unter einem Baum mag nur in einem Wald von Stahl- und Aluminium-Balken (...) zu finden sein. Unsere Urhütte, geschaffen um uns zu behausen, wird so etwas wie ein Unterstand sein, der nur von einem weichen, unsichtbaren Schleier umhüllt ist und anders als bei Laugier eine klare Struktur aus Stütze, Träger und Dachgebälk vermissen lässt.“ (1) Der Entwurf für die Mediathek klingt in diesen Sätzen schon an.

Nicht nur das jetzt eröffnete Gebäude, sondern schon der Wettbewerb von 1994/95 profitierte von dem Mut und dem Ehrgeiz der nordjapanischen Stadt Sendai, etwas völlig Neues zu wagen. Unter dem Vorsitz von Arata Isozaki steigerte die Jury die Kompetenz des Gremiums durch die ausschließliche Besetzung mit Fachpreisrichtern und übertrug zur Erhöhung der Transparenz die Entscheidung der Schlusssitzung im Fernsehen. Die Architekten waren ausdrücklich aufgefordert, einen neuen Gebäudetypus, einen Prototypen für ein öffentliches Gebäude im 21.Jahrhundert zu entwickeln. 

Wichtigstes Kriterium war es, die spezifische Zuordnung einer Gebäudeform zu einer spezifischen Nutzung zu vermeiden und statt dessen ein System zu entwickeln, welches das noch nicht völlig ausgegorene Programm einer „Mediathek“ mit all seinen zu erwartenden Änderungen aufnehmen kann. Itos Entwurf bietet genau diese Flexibilität, ohne jedoch das im 20. Jahrhunderts formulierte Ideal vom „universellen Raum“ zu übernehmen. „Unsere größte Hoffung für das Sendai-Prinzip der geschichteten Ebenen ist die Schaffung von „differenzierten Räumlichkeiten“.“(2) Also nicht ein Raum für eine Nutzung, sondern eine freie Fläche, die durch leichte Unregelmäßigkeiten strukturiert wird. „Selbst jetzt,“ schreibt Toyo Ito,“ da die Eröffnung vor der Tür steht, ist es noch offen, wo welche Aktivitäten in der Mediathek in Sendai stattfinden sollen. Wir glauben gerne, dass dies mit unserer grundsätzlichen Vermeidung von „Räumen“ zu tun hat. Natürlich versteht es sich von selbst, das einige Räume nur funktionieren, wenn sie geschlossen sind. Doch im Vergleich mit einem herkömmlichen öffentlichen Gebäude, hat Sendai wesentlich weniger abgeschlossene „Räume“. All dies war nur möglich durch die Einbindung der ‚tubes’. (...) Der Einsatz der ‚tubes’ macht die Ebenen nicht-uniform. Die ‚tubes’ verursachen einen Effekt, wie wenn man ein Steinchen ins Wasser wirft, sie bringen den Raum zum Fließen.“(3)

So gesehen sind die unzähligen Grundrisse, die über die Jahre hinweg entwickelt und veröffentlicht wurden, immer abstrakte Diagramme geblieben. Ito vergleicht sie mit Anleitungen für ein Brettspiel. Allen Plänen ist aber eine Eigenschaft gemeinsam: die gleichmäßigen Muster und Strukturen sind meist bis an den Rand der quadratischen Palette gezeichnet. Auch die frühen Skizzen der Schnitte sind blattfüllend und suggerieren einen sich unendlich ausbreitenden Raum. Diese Qualität markiert den Unterschied zwischen einer Bibliothek und einer Mediathek. Letztere ist nicht die Endlagerstätte für Wissen, sondern ein Knotenpunkt in einem unendlichen Netzwerk. Der japanische Architekturtheoretiker Koji Taki vergleicht eine Bibliothek mit einem Mikrokosmos, währen eine Mediathek eine „sich ins Unendliche ausdehnende Supernova“ sei. „Als ich Itos Modell zum ersten Mal sah, dachte ich an dieses immaterielle endlose Bild der Information. In mir kam das Bild eines unbeschränkten Raumes auf, der sich beliebig ausdehnen durfte, aber zufällig in einer bestimmten Form – den sieben Geschossflächen von 50 x 50 m – architektonische Gestalt angenommen hatte.“ (4)

Für die Ausgestaltung der sieben Ebenen hat Toyo Ito verschiedene Designer eingeladen, um jedem Geschoss eine eigene Prägung zu geben. Mangels Wände beschränkt sich die Interpretation der Mediathek durch die Designer auf die Belegung der Oberflächen von Boden und Decke und auf die Gestaltung von  Licht und Möbeln. Die Eingangsebene – im Wettbewerb noch als offene Plaza gedacht – ist jetzt zwar mit Glas umschlossen, doch werden andere Elemente eingesetzt, um den Übergang von der Stadt ins Gebäude möglichst schwellenlos zu gestalten. Die großen Falttüren an der Frontseite sind weit zu öffnen und der weisse Steinboden im Erdgeschoss wird von gelben Markierungen durchzogen, die sonst als Sicherheitsstreifen auf den japanischen Bahnhöfen – den öffentlichsten Orten der Stadt - eingesetzt werden. Im Infobereich der ersten Ebene hat Kazuyo Sejima das Motiv des sich ausbreitenden, offenen Raumes – die „Supernova“, wie Koji Taki es beschreibt – aufgenommen. Zwischen dem glatt spiegelnden, hellen Boden und der rigiden, linearen Decke hat sie einen Schwarm von einzelnen Sitzmöbeln eingestreut. Umgekehrt ist die Stadtbibliothek im zweiten und dritten Obergeschoss gestaltet: die langen Reihen der Regale werden von einer glatten, indirekt beleuchteten Decke überspannt. Wie in allen Geschossen sind auch hier Rohbau- und Ausbauebene bewusst voneinander abgesetzt. Die Oberflächen von Boden und Decke sind an den Konstuktionspunkten zurückgesetzt, so dass der Durchstoss der tubes durch die plates noch leichter und irrealer wirkt. Die Galerie auf der vierten Ebene ist relativ kleinteilig gegliedert und steht im Kontrast zur flachen, weiten Ebene im fünften Obergeschoss, die sich für Ausstellungen und Performances anbietet. Hier tritt ein „Sendai-Raum“ in seiner ganzen Großzügigkeit und Schwerelosigkeit zu Tage. Das sechste Geschoss, von Ross Lovegrove designt, bestätigt, dass die hohe Abstraktion von Itos Bau keine Komposition verträgt. Die baumartigen Regale und blütenförmigen Sessel wirken verbaut und zeigen, dass Itos Naturmotive nicht allzu wörtlich zu nehmen sind. Die Räume der Mediathek erlebt man nicht als ‚promenade architecturale’. Sie sind weder perspektivisch angelegt, noch als Raumsequenz entwickelt. Die Ebenen greifen nicht ineinander, sondern sind lediglich übereinander gestapelt. Hohe und niedrige Geschosse wechseln sich ab und bekommen allein durch die vertikale Erschliessung der tubes einen Zusammenhang. 

So wie die Räumlichkeit nicht in einzelne Räume unterteilt werden soll, ist das Gebäude auch nicht als abgeschlossene Einheit zu verstehen. Itos stärkste Kritik gilt eben jenen autonomen, in sich völlig abgeschlossenen Innenwelten, die einer Abgrenzung, einem Autismus von Räumen Vorschub leisten und in der Konsumwelt der zeitgenössischen Stadt auf dem Vormarsch seien. In Sendai dagegen soll der in der Struktur des Gebäudes angelegten Ausbreitung des Raumes auch in der Gestaltung der Fassaden Rechnung getragen werden. Um ein geschlossenes, monolithisches Erscheinungsbild, zu vermeiden, sind die vier Seiten unterschiedlich gegliedert. Die Front zeigt sich als glatte Glas-Doppelfassade, die durch die gleichmässige Bedruckung mit einem geometrischen Muster das Gebäude als Einheit darstellt. Die anderen Fassaden hingegen sind als vertikales Rost aus Stahlblech einerseits und andererseits als horizontale Schichtung von Materialien je Geschoss unterschiedlichen ausgebildet sind: Aluminium-Paneele, transluzente Scheiben und  Profilit-Glasstege. Die Ecken sind teilweise gestoßen, teilweise einfach nur überlappend. Besonders auf der Frontseite wird die Ambivalenz zwischen Einheit und Eigenständigkeit der Ebenen spürbar, wenn in der Dämmerung hinter der Glasfassade die unterschiedlichen Beleuchtungen auf der Untersicht der Decken durchscheinen. 

Ausgesprochen unprätentiös positioniert sich das prominente Gebäude im Stadtraum. Die Mediathek steht zwar an einer der großen Straßen der 1-Millionen-Stadt Sendai, ist aber keineswegs in einer exponierten Lage. Ein mittelgroßes Hotel, kleine Häuser und eine Tankstelle bilden die unmittelbare Umgebung. Die baumbestandene Allee vermengt sich durch Spiegelungen auf der Fassade mit den baumartigen Stützen und die Neonreklamen der Straßenläden überlagern sich mit den Lichtmustern der Ebenen. Der Gedanke an die Urhütte in der Stadt als zweite Natur bekommt ein reales Bild.

Toyo Itos Mediathek in Sendai bietet einen Raum, der spezifisch und neutral zugleich ist. Ein Raum, der mehr Auftrieb als Schwerkraft ausstrahlt. Ein definierter Raum, der dennoch ohne Zentrum, ohne Anfang und ohne Ende bleibt. Ein Intervall im Unendlichen, so wie es der japanische Begriff für Raum suggeriert. „Kukan“ besteht aus den Zeichen für Luft und Intervall. 


(1) Toyo Ito: Architecture Sought After By Android, Kikan Shicho No 1, 1988.01 (Japanese), Japan Architect, 1988
(2) Toyo Ito: Under Construction, Sendai Mediathek Report, unveröffentlichtes Manuskript, 2001
(3) Toyo Ito: Under Construction, Sendai Mediathek Report, unveröffentlichtes Manuskript, 2001
(4) Koji Taki: Reife und Freiheit, in Toyo Ito: Blurring Architecture, Ausstellungskatalog, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, Charta Verlag 1999