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Minihouses in a Megacity

Architecture and Urbanism of Tokyo

 

Nikolaus Knebel as guest editor for ARCH+, (2000)

 

- published in ARCH+ no. 151, 2000

- presented at University of Applied Sciences Hamburg, 2002 

 

tokyo aerial

 


In Japan sind die Dimensionen extrem: groß ist riesig und klein ist winzig. Tokio – die größte Stadt der Welt   baut auf einer äußerst kleinteiligen Struktur auf. 27 Millionen Menschen wohnen zum Großteil in Häusern von weniger als hundert Quadratmetern. Das Bild der Stadt ist gezeichnet von niedrigen Einfamilienhäuser, die oft nicht mehr als einen halben Meter auseinander stehen und engen Straßen, die nur wenige Schritte breit sind. In den Wohngebieten gleicht die Weltstadt Tokio einem Dorf.  

Seit der Modernisierung Japans in der Meji-Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts bis heute ist Tokio geprägt von den Parallelwelten der großen, modernen Subzentren an den Knotenpunkten der Infrastruktur einerseits und andererseits den kleinen, traditionellen Nachbarschaften, die sich wie ein pointillistisches Bild aus Millionen von einzelnen Wohnhäusern zusammensetzen. Der Wandel der Stadt spielt sich hier im festen Rahmen der winzigen Parzellen ab und ein kleines Haus wird nach höchstens zwei Jahrzehnten durch ein nächstes kleines Haus ersetzt. Die Typologie des kleinen Wohnhauses hat in der japanischen Architektur Tradition und wird doch von jeder Architekten-Generation neu interpretiert.

Dieses Heft entstand aus der Neugierde auf die Arbeiten der ganz jungen Generation von Architekten in Japan. Eine Generation, die Ende der 80er Jahre während der wilden Jahre der „bubble economy“ ausgebildet wurde und die heute in den nüchternen Zeiten anhaltender Wirtschaftsflaute auch als „bescheidene Generation“ bezeichnet wird. Während vor 30 Jahren die jungen Architekten mit Megastrukturen aufwarteten, beschäftigt sie sich der Nachwuchs heute mit Minihäusern. Man entdeckt bei den Arbeiten der jungen Architekten keine metropolitanen Visionen für die Stadt der Zukunft mehr, keine computergenerierten Formorgien, keine herausfordernden Konstruktionen, dafür aber eine Verfeinerung der Frage, wie ein Haus neben dem anderen steht und wie Zimmer, Küche und Bad organisiert sind. So konventionell diese Fragen klingen mögen, die Antworten sind alles andere als konservativ. 

Die moderne Architektur in Japan litt lange Zeit unter einer Selbstkolonisierung durch die unkritische Übernahme westlicher Modelle, angefangen mit den an deutschen Vorbildern orientierten Repräsentationsbauten, die in Japan gegen Ende des 19. Jahrhunderts en vogue waren bis hin zu Le Corbusiers Museum der Westlichen Kunst in Tokio, das Ende der 50er Jahre einflußreich war. Erst in den 60er Jahren setzte die japanische Gruppe der Metabolisten der gegebenen und als nicht zukunftsfähig angesehenen Struktur der alten Stadt eine eigene Vision von neuen Megastrukturen entgegen. Experimentierfeld dieser Generation war nicht das Wohnhaus in der Stadt, sondern die mobile Wohnkapsel als eine technoid aufgerüstete, autonome Zelle. 

Doch während sich die Metabolisten dem Kontext der Stadt durch eine Flucht nach vorn in ein neues Zeitalter entziehen wollten, entwickelte sich gleichzeitig ein anderes Denken unter Architekten. Mit dem Werk von Kazuo Shinohara ist in Rückzug in eine ästhetisierende Haltung verbunden, die sich jeglicher sozialen Aussage verweigerte. Er deklarierte das Wohnhaus zum Kunstwerk und entwickelte eine Architektur des Wohnens weit jenseits von Funktionalität und gesellschaftlichen Aufgaben. 

Beide Tendenzen – Futurismus und Ästhetizismus – sind auch in der Architektur der Wohnhäuser der 70er und 80er Jahre ablesbar. Exemplarisch wird dies an den beiden Häusern deutlich, die Toyo Ito in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander für sich und seine Schwester in Tokyo baute. Einerseits das Haus „White U“ (1976) als hermetisch abgeschlossenes Interieur und quasi-therapeutische Maßnahme für die Trauerarbeit der verwitweten Schwester und andererseits sein eigenes Haus „Silver Hut“(1984) als visionäres Statement über die leichte Behausung eines Stadtnomaden. Bezeichnend ist, daß beide Projekte als Hofhäuser konzipiert sind und ebenso wie viele Wohnhäuser dieser Zeit – Tadao Ando und andere - den Kontext der Stadt ausblenden.

Diese Verweigerung der Architektur gegenüber ihrer Umgebung ließ Tokio zu einer „Stadt der Lücken“ werden, wie sie Ryoji Suzuki beschrieben und photographiert hat. Die nur nach Innen gerichtete Architektur rückt die meist blinden Außenmauern bis fast an die Grundstücksgrenzen – dazwischen bleibt ein unbetretbarer Streifen von 50 Zentimetern, der „von Mensch und Raum befreit“ ist, wie Suzuki schreibt. 

Im diesem Hefts geht es um die Verflechtung von Haus und Stadt und um die Kultivierung dieses Zwischenraums. Den vorgestellten Projekten ist gemeinsam, daß sie auf unterschiedliche Weise die Grenzen des Hauses verschieben. Waren die Innenwelten der Wohnhäuser der 70er und 80er Jahre noch durch schwere Sichtbetonwände eingemauert, so besteht die Haut der Gebäude heute oft aus transluzenten oder perforierten Materialien. Trotz der fensterlosen Fassaden dringen Lichtstimmungen und Geräuschekulissen der Umgebung hinein. Die Außenwelt ist zwar abgetrennt, aber nicht gänzlich abgeschnitten.

Als theoretische Vorarbeit für diesen Paradigmenwechsel wird das sogenannte „Haus ohne Tiefe“ von Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima vom Atelier Bow-wow gezeigt. Ausgehend von der Beobachtung einer Überlagerung der Bezugssysteme, die Privat und Öffentlich definieren, entwickelten die beiden jungen Architekten für einen Wttbewerb dieses Wohnhaus als ein Raumgefüge, bei dem es keine „Tiefe“, also keine Eindeutigkeit der Grenze von Innen und Außen mehr gibt.

Das sogenannte Mini-Haus der selben Architekten ist eine Weiterentwicklung dieses Modells. Es steht von allen Außengrenzen abgerückt in der Mitte des Grundstücks und verschränkt mit seinen ausgreifen Volumen den Wohnbereich und den Außenraum. Der introvertierte Typus des Hofhauses wird sozusagen nach außen gestülpt und die in Japan sonst so scharf gezogene Grenze zwischen Haus und Stadt wird verräumlicht. In eine ähnliche Richtung geht das Haus O-ta von Taira Nishizawa. Es ist zwar ein geschlossenes, kompaktes Volumen, besetzt aber nur die eine Hälfte des Grundstücks. Die andere Hälfte bleibt unbebaut und schafft einen Zwischenraum, in dem der auf eine Plattform gehobene Garten zu einem privaten Raum mitten in der Stadt wird. Noch einen Schritt weiter in der Annäherung von privatem und öffentlichem Raum geht das Curtain Wall House von Shigeru Ban, dessen textile Außenhülle zurückgezogen werden kann und das gesamte Innere des Hauses preisgibt. Der Fassade entledigt, wohnt man außer Haus.

Während die hier beschriebenen Häuser mit der Stadt räumlich verschränkt sind, stellt das Haus „Aura“ der Architekten FOB-A eine Verknüpfung von Haus und Stadt auf funktionaler Ebene dar. „Aura“ meint die Erweiterung eines Körpers jenseits seiner eigentlichen Hülle, in diesem Fall bedeutet es die Erweiterung der Wohnfunktionen eines Hauses auf die Stadt. Mit dem Angebot eines entleerten Raums als Haus ziehen die Architekten die Konsequenz aus der räumlichen Dichte und dem vielseitigen Dienstleistungsangebot der japanischen Stadt, das fast alle Funktionen des Wohnens auch in unmittelbarer Umgebung des Hauses anbietet. 

Der rund um die Uhr geöffnete Supermarkt ersetzt den Kühlschrank, das kleine Restaurant und die überall angebotenen Fertig-Mahlzeiten machen die Küche überflüssig, das Badezimmer wird ins Badehaus in der Nachbarschaft ausgelagert, mit Freunden trifft man sich in der Karaoke-Bar und das Love- Hotel wird zum Ehebett. Als Nomade in Tokio wohnt man außer Haus. 

Dieses Thema von Tokio als Stadt des städtischen Nomaden hat seit den 60er Jahren die Phantasie von Architekten beschäftigt. Die metabolistischen Wohnkapseln, die in den 60er Jahren für den mobilen Stadtbewohner der Zukunft konzipiert wurden, waren nach außen abgeschottete und nach innen technologisch hochgerüstete Zellen, die auf engstem Raum eine komplette Versorgung der täglichen Bedürfnisse des einzelnen Bewohners gewährleisten sollten. Das Haus „Aura“ hingegen ist alles andere als eine autarke Zelle, denn fast alle Wohnfunktionen sind in die Stadt ausgelagert. Was bleibt, ist ein radikal abgerüstetes, von sichtbarer Technologie befreites Interieur. „Aura“ ist Wohnen in seiner reduziertesten Form, nur noch Raum ohne Programm. 

Das Wohnen außer Haus ist allerdings nur denkbar vor dem Hintergrund eines anderen Umgangs mit der Stadt. Angefangen mit dem ungenierten Schminken in der U-Bahn bis hin zu den oft unverschlossenen Haustüren werden in Japan die Grenzen des Privaten auch psychologisch anders gezogen. Die Stadt ist nicht geprägt von Angst und Kriminalität, sondern von einer „menschlichen Dimension“, die Donald Richie bei seinem „Spaziergang durch Tokio“ beschreibt. „Durch Tokio zu gehen, heißt einen Anzug zu tragen, der einem ganz hervorragend paßt.“

Das Wohnen außer Haus wird aber auch erst ermöglicht durch eine hochentwickelte Dienstleistungsgesellschaft. Die dezentrale Versorgung der Wohngebiete geschieht durch logistisch perfekt organisierte Abläufe. Christiana Hageneder zeigt dies beispielhaft am Phänomen der convenience-stores, der kleinen multifunktionalen Supermärkte, die rund um die Uhr von kleinen Mahlzeiten bis zum Postservice eine Rundumversorgung anbieten und sich mit minimalen Ladenflächen und Lagerhaltung in die kleinteilige Struktur der japanischen Wohngebiete einpassen. Dieses dezentrale Gewebe der Versorgung ist die kapitalistische Antithese zu den autoritären Groß-Strukturen der Metabolisten. Es ist die Welt des flexiblen Menschen, der jenseits des gleichgetakteten Alltags des Industriezeitalters seine Lebenswelt gestaltet. 

Diese auf kleinstem Raum verfeinerten Miniaturen sind in Japan zur Zeit das einzig Machbare Bauvolumen. Es gibt kaum Wettbewerbe und nur wenige Projekte größeren Ausmaßes. Für die junge Generation von Architekten in Japan sind die Minihäuser ein intensives Testfeld und man darf gespannt sein, wie sich das neue Paradigma einer zur Stadt geöffneten Architektur auf ihre ersten Gebäude von größerem Ausmaß auswirken wird.